Schulwegsicherheit

Eine Katze im Sack mit Krallen

Eine Stellungnahme von Marco Hüttenmoser, Koordinator Netzwerk Kind und Verkehr

Es freut mich, sehr geehrte Damen und Herren, an dieser Stelle als Koordinator des Netzwerks Kind und Verkehr, den geplanten Autobahnzubringer aus der Sicht der Verkehrssicherheit der Kinder zu beleuchten. Erst nach reiflicher Überlegung und nach eingehendem Studium der Situation der Kinder in den beiden Ortschaften habe ich mich zu diesem Schritt bereit erklärt. Die Ergebnisse meiner Recherchen finden Sie in zwei der Dokumentation beiliegenden Kurzberichten.

Ich fasse zusammen:

1. In meinem nunmehr über 30jährigen Einsatz für mehr Bewegungsfreiheit und mehr Sicherheit im Strassenraum für Kinder ist es noch nie vorgekommen, dass sich eine Gruppe von Politikern und Eltern mit dem Hauptargument „mehr Sicherheit auf Schulwegen" für 65 Millionen teure Umfahrungen einsetzt. Hier stellt sich die Frage, ob den Befürwortern die richtigen Argumente fehlen? Oder werden gar berechtigte Ängste der Eltern um die Sicherheit ihrer Kinder missbraucht, um mittels des „Kindchenreflexes" Ziele zu erreichen über die man lieber schweigt, wie rasches und möglichst hindernisfreies Erreichen der Autobahn?

2. Dass man mit den geplanten Umfahrungen „eine Katze im Sack" kauft, bestätigt sich auch dadurch, dass die betroffenen Eltern keinerlei Zusicherung haben, dass im Anschluss an deren Realisierung, die für Kinder kritischen Situationen tatsächlich kinderfreundlich gestaltet werden. Dies gilt insbesondere für die Dorfstrasse in Obfelden. Wird diese Strasse für die Durchfahrt von Lastwagen gesperrt? Wird die Geschwindigkeit mit entsprechenden baulichen Massnahmen auf Tempo 30 reduziert? Ist die Gemeinde bereit, die hohen Kosten, die damit verbunden sind zu übernehmen? Der Kanton und der Bund werden diese Massnahmen nicht bezahlen! Wir müssen davon ausgehen, dass im Nachhinein viele Befürworter des Zubringers zu heftigen Gegnern zusätzlicher Massnahmen werden. Die Dorfstrasse in Obfelden ist, was die Geschäfte und Einkaufsmöglichkeiten betrifft, der Lebensnerv des Dorfes. Ein weiterer Ausbau der Einkaufsmöglichkeiten ist zudem geplant.

3. Die Dorfstrasse in Obfelden kann genauso wie die Kreuzung in Ottenbach kinderfreundlich saniert werden. Dies wird ihnen jeder Verkehrsplaner, jede Verkehrsplanerin bestätigen. Die Vorstellung, dass man eine gute Schulwegsicherheit auf einer Hauptstrasse nur realisieren kann, in dem man eine Umfahrung baut, ist völlig absurd. Es gibt in der näheren und weiteren Umgebung von Obfelden und Ottenbach hunderte von Hauptstrassen mit vergleichbarem, ja deutlich höherem Verkehrsaufkommen und niemand denkt daran, zur Sanierung der Schulwege Umfahrungen zu bauen. Dies zu fordern kommt einer Kapitulation gleich. Wo kommen wir hin, wenn wir alle Dörfer umfahren, wenn sie von mehr als 5000, 6000, 7000 oder mehr Fahrzeugen täglich durchfahren werden?

4. Die „Katze im Sack", die hier gekauft wird, hat zudem scharfe Krallen. - Der entscheidende Faktor für eine grössere Sicherheit auf den Schulweg liegt weniger in der Menge der Fahrzeuge, sondern in den gefahrenen Geschwindigkeiten und sicheren Übergängen. Weniger Fahrzeuge bewirken, dass schneller gefahren wird und damit auch die Gefahren im Strassenraum erhöht werden. Die Ottenbacherstrasse in Obfelden ist dazu ein sehr deutliches Beispiel: Es hat wenig Verkehr, keinerlei Hindernisse und es wird sehr rasch gefahren. Hat es da, wie vor dem Schulhaus Schlossächer, nun plötzlich einen Fussgängerstreifen, so sinkt die Bereitschaft anzuhalten. Eine Sanierung dieser Strasse ist meines Wissens nicht geplant. Sie liegt auch ausserhalb der vorgesehenen Tempo-30-Zonen.

5. Die entscheidenden Massnahmen für eine grössere Sicherheit der Kinder im Strassenraum und im Besonderen auf Schulwegen beginnen im Wohnquartier. Auf Quartierstrassen ereignen sich auch mehr schwere Unfälle mit Kindern als auf Hauptstrassen. Nur wenn wir hier den Kindern genügend Bewegungsfreiheit gewähren. Wenn die Kinder das Fahrradfahren unbegleitet üben können und wir generell Bewegungsspiele, Ballspiele usw. auf den Quartierstrassen ermöglichen, erwerben die Kinder die entscheidenden Fähigkeiten für ein sicheres Verhalten im Strassenverkehr. Ottenbach hat in vorbildlicher Weise alle Wohnquartiere durch Tempo-30-Zonen vor dem Verkehr gesichert. Die Quartiere sind vom Durchgangsverkehr geschützt. Leider fehlen noch Begegnungszonen auf den Quartierstrassen, die das Kinderspiel erst recht ermöglichen. Obfelden macht dazu einen ersten in verschiedener Hinsicht leider noch unvollkommenen Schritt. Will sich eine Gemeinde ernsthaft für die Sicherheit und die Gesundheit der Kinder einsetzen, so muss dies auch in den Wohnquartieren erfolgen.

6. Was die Hauptstrassen betrifft, so hat der Kanton Zürich vielerorts bewiesen, dass er diese auch bei hohen Verkehrsaufkommen kindersicher gestalten kann. Meine Beobachtungen in Ottenbach und Obfelden haben gezeigt, dass bereits kleine Kinder durchaus fähig sind die Hauptstrassen bei gut gestalteten Fussgängerstreifen oder bei Ampelanlagen sicher zu queren. Auch die Bereitschaft anzuhalten ist dort deutlich besser, wo eine Strasse durch gut gestaltete Fussgängerstreifen stark gegliedert. Dies etwa im Gegensatz zur völlig ungegliederten Ottenbacherstrasse.

Dr. Marco Hüttenmoser
Netzwerk Kind und Verkehr

www.kindundumwelt.ch

pdfStellungnahme und Berichte zur Schulwegsituation in Obfelden und Ottenbach1.63 MB

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